Europäisches

TROTZDEM FÜR EUROPA

ZUR 4. AUSGABE DES FESTIVALS EUROPAVOX VIENNA IM WUK

Posted 14.10.2019

Anlässlich des Europavox Festivals plädiert Amira Ben Saoud dafür, Europa nicht zu verklären, sondern an Europa zu arbeiten, und wirft einen Blick auf das diesjährige Line-Up.

Irgendwie geht es ja immer um Sex, auch beim Gründen. Zumindest wenn Göttervater Zeus Teil der Story ist und das ist er ja oft genug. In dieser Geschichte verschaute er sich beim göttlichen Tindern in die fesche Königstochter Europa, die irgendwo am Strand des heutigen Libanon chillte. Per Superlike oder dergleichen offenbarte er sich ihr in Gestalt eines weißen Stieres (Tierfotos!) und auch Europa likte, was sie sah. Nach etwas Geplänkel setzte sie sich gleich beim ersten Date auf den Rücken des Stiers, der kurzerhand mit ihr davonschwamm und die junge Dame auf Kreta parkte. Dort ging es dann auch gleich zur Sache. Forthin hieß der Fleck Erde, der sich mit der Zeit vergrößern sollte, nach der White-Bull-affinen Schönheit, also Europa.

So erzählt es variantenreich der Mythos, was einem herzlich egal sein kann, aber nicht muss – provoziert die ganze Angelegenheit doch auch ein paar unangenehme Lesarten: Man könnte ja zum Beispiel meinen, dass es im Kern des Gründungsmythos von Europa um das Ausnutzen von Machtverhältnissen, um Ausbeutung geht. Wie hätte die junge Europa zum alten, weißen Stier Nein sagen sollen? Man könnte auch interpretieren, dass unser schönes “Abendland” ohne eine Europa aus dem “Morgenland” gar nicht entstanden wäre – auch der Mythos selbst hat orientalische Vorbilder.

Nicht verklären, daran arbeiten!

Narrative, die Gemeinschaftsinn stiften sollen, basieren aber selten auf solchen Lesarten. Wir verbinden Europa mit den Werten der Europäischen Union wie der Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit, wir verbinden Europa mit Demokratie – wer hat’s erfunden? Die Griechen.

Zu Europäer_innen hat uns das Glück gemacht. Wir haben in der Lotterie gewonnen, weil wir hier geboren wurden. Aber Europäer_in zu sein bedeutet etwas anderes. Es bedeutet, die Werte, auf die wir so stolz sind, zu verteidigen, neue Werte für ein zukunftsreiches Europa zu entwickeln. Und es bedeutet, unseren Gemeinschaftssinn nicht nur über die Glanzstunden, sondern auch über die Schattenseiten zu definieren: Nicht nur der Mythos hat seine verstörenden Komponenten, die europäische Geschichte, auch die jüngere, ist voller Gewalt und Ungerechtigkeiten. Die hochgelobte Demokratie war in ihrer Geburtsstunde auf Ausschluss aufgebaut. Frauen, unter 30-Jährige, Zugezogene und Sklaven hatten damals in Attika überhaupt nichts zu melden. We’ve come a long way. Gerade deswegen sollten wir Europa nicht verklären, sondern an Europa arbeiten. Wir sollten aus dem Privileg, hier geboren zu sein, eine Verantwortung ableiten. Verbindendes kann erst dort entstehen, wo Differenzen erkannt werden, wo alles Schwierige und Problematische nicht geleugnet wird, wo man sich trotzdem für Europa entscheidet.

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Europavox Vienna 2017 (c) Susanne Einzenberger